Mit der neuen Kunstmesse Art Basel Qatar im katarischen Doha bildet sich ein neues Machtzentrum der internationalen Kunstwelt am Golf

Wer zieht die Fäden der Geschichte? Das war die Frage hinter der Video-Trilogie „Cabaret Crusades“, die Wael Shawky vor gut einer Dekade berühmt machte. Mit Hilfe 200 Jahre alter italienischer Marionetten verwandelte der Künstler den Klassiker „Die Kreuzzüge, gesehen durch arabische Augen“ des libanesischen Historikers Amin Maalouf in ein faszinierendes Puppenspiel über die Macht der Manipulation.

Nun hat der 1971 in Ägypten Geborene selbst die Chance, ein paar Fäden der Geschichte zu ziehen. Im Sommer diesen Jahres berief die Art Basel überraschend Shawky zum künstlerischen Leiter der Art Basel Katar (ABQ).

Das spektakuläre Joint-Venture zwischen der Schweizer Leitmesse des Kunstbetriebs und den zwei staatseigenen katarischen Unternehmen QC Enterprises (QC+) und Qatar Sports Investments (QSI) soll vom 5. bis zum 7. Februar 2026 (Preview-Tage 3.+4.) in dem Kreativzentrum M7 im Dohaer Design District und an öffentlichen Plätzen downtown im Msheireb District seine Premiere erleben.

Die Ultra-High-End-Messe soll nicht im klassischen Format mit Kojen organisiert werden, sondern als Ausstellung. „Es wird kein Bazar, kein Supermarkt. Die Messe soll die Lücke zwischen Kunst und Markt schließen“ verspricht Shawky.

„Wir wollen die künstlerische Intention in den Mittelpunkt rücken“ sekundiert Art Basel Global Direktor Vincenzo de Bellis. Die 87 internationalen Galerien von Riads einzigem Blue Chip Haus Athr, Berlins Esther Schipper bis zu New Yorks David Zwirner werden Solo-Ausstellungen von Ethel Adnan über Anicka Yi bis Rashid Rana präsentieren.

Shawky hat Erfahrung mit Region und Format. Ende 2024 war er zum Chef des katarischen Residency Programms „Fire Station“ in einer alten Feuerwehr-Station in Doha berufen worden. Schon 2010 hatte er in seiner Heimatstadt Alexandria das Künstler:innen-Studioprogramm Mass gegründet.

Seine Wahl zum künstlerischen Leiter der Messe ist der zyklisch wiederkehrende Versuch, einer Kunstmesse diskursive credibility jenseits des schnöden Mammons zu sichern. In diesem Fall signalisiert sie aber auch, dass ein potentielles Schwergewicht der globalen Kunstmessen aus einer nicht-westlichen Perspektive kuratiert werden wird.

Shawkys Arbeit „Drama 1882“ über die Urabi-Revolte im 19. Jahrhundert für den Ägyptischen Pavillon begeisterte auf der Venedig Biennale im letzten Jahr die internationale Kunstöffentlichkeit. Mehr als die Hälfte der 84 Künstler:innen, die im Frühjahr in Doha präsentiert werden, kommen aus Nordafrika, Mittlerer Osten und Südasien.

Diesen Wechsel der Perspektive unterstrich bereits die riesige Retrospektive, die das Art Mill Museum im vergangenen Jahr in Doha unter dem Titel „Manzar – Szene“ der Kunst Pakistans seit 1947, dem Jahr der Spaltung des indischen Subkontinents, ausrichtete. Nachdem es bislang in großem Stil die großen Namen des Westens wie Jeff Koons oder Damien Hirst umworben hatte.

Für Dyala Nusseibeh, die Chefin der Art Abu Dhabi, ist es wichtig, Verantwortung für unsere eigenen Narrative zu übernehmen. Wir müssen nicht vom Westen definiert werden, wir müssen uns selbst definieren.“ Ihrer Ansicht erklärte sie viel zu lange, dass Kunst aus dem Nahen Osten und Nordafrika durch eine eurozentrische Linse betrachtet und oft an den Rand der globalen Kunstgeschichte gedrängt wurde.

„Durch die Neupositionierung unserer Region als Zentrum ihrer eigenen künstlerischen und kulturellen Erzählung zielen diese Initiativen darauf ab, die eurozentrische Dynamik zu verändern.“ Für sie geht es um eine Neuausrichtung des Diskurses: „Moderne und zeitgenössische Kunst aus der Region sollte nicht nur als Reaktion auf den westlichen Kanon gesehen werden, sondern als Beitrag zu einem vielfältigen und globalen Dialog zu seinen eigenen Bedingungen.“

Auf den ersten Blick macht es wenig Sinn, dass die katarische Herrscher-Familie Al Thani, allen voran die einflussreiche Sheika Al Mayassa, Vorsitzende der Museumsbehörde des Emirates mit einem jährlichen Ankaufsetat von 1 Milliarde Dollar, auch mit einer eigenen Messe auftrumpft.

Verweist sie doch die 2007 gegründete, als Menasa-Marktpol durchaus erfolgreiche, Art Dubai ohne Not auf den zweiten Rang. Und Katars spektakulärer Markt-Move rief prompt die Konkurrenten auf den Plan.

Im November 2026 wird die 2009 gegründete Abu Dhabi Art (ADA) zur Frieze Abu Dhabi, einem Joint Venture mit der Londoner Kunstmesse, der erste große Coup ihres neu-alten Eigentümers Ari Emanuel, dem Sport- und Entertainment-Unternehmer aus den USA.

Sein Partner ist das Department of Culture and Tourism – Abu Dhabi (DCT Abu Dhabi), das die Kulturstrategie der Stadt exekutiert. Schon in diesem November war die ADA mit 140 Galerien die größte Ausgabe ihrer Geschichte. Im nächsten Jahr kommt es dann zum ganz großen Art-Fair-Showdown am Golf, die Karten werden dort völlig neu gemischt.

Der kunstpolitische Ehrgeiz der Autokratien am Golf ist tendenziell grenzenlos. Schon im Mai hatte das winzige Katar seine Strategie der Suggestion einer kulturellen Großmacht zwischen den Machtblöcken des Nahen Ostens mit der Eröffnung eines katarischen Pavillons in den Giardini der Venedig-Biennale einen symbolträchtigen Schritt weiter vorangetrieben.

Im nächsten Jahr wird Qatar gar die 2024 erstmals veranstaltete, nationale Kunstausstellung „Rubaiyat Qatar “ zu einer internationalen Kunstausstellung zu promovieren. 2026 wird sie unter dem Titel „Unruly Water“ eine Vierergruppe aus Tom Eccles vom Center for Curatorial Studies and the Hessel Museum of Art beim New Yorker Bard-College, Ruba Katrib vom MoMA PS1 in New York, Mark Rappolt, dem Chefredakteur der US-Kunstzeitschrift ArtReview  und Shabbir Husain Mustafa von der National Gallery of Singapore kuratieren. Im Mittelpunkt steht eine Gemeinschaftsaktion von Rirkrit Tiravanija.

Die riesigen neuen Messen, die nun vor allem entstehen, sind freilich nicht nur Luxusspielzeuge für die prestigesüchtige arabische Bourgeoisie, sondern die I-Tüpfelchen eines geopolitischen Shifts historischen Ausmaßes. Sind die Staaten am Golf doch zum Zentrum eines mächtigen Wandels geworden. Wie ein Magnet ziehen sie das globale Kapital an.

Im Jahr 2025 werden schätzungsweise 142.000 Millionäre über Grenzen hinweg umziehen, so die Expertinnen von Henley&Partners, einer Agentur, die Wohnsitze und Staatsbürgerschaften internationaler Investoren managt. Von diesen Millionären wird der größte Anteil – netto 9.800 – in die VAE ziehen und rund 63 Milliarden US-Dollar an investierbarem Vermögen mitbringen. Großbritannien dagegen etwa, so die Prognose, dürfte 16.500 Millionäre verlieren.

Steuerfreiheit, Goldene Visas, politische Neutralität und innenpolitische Stabilität sind die Motive dieser flüchtenden Geldaristokratie. Die überraschenden israelischen Luftschläge kürzlich schrecken sie mehr als die fehlenden Menschenrechte oder demokratische Standards.

„Diese Massenbewegung von Millionären stellt die größte freiwillige Übertragung von Privatkapital in der modernen Geschichte dar“, sagt Juerg Steffen, CEO von Henley & Partners, im „Great Wealth Flight“-Bericht des Unternehmens. Die Agentur managt für internationale Investoren Wohnsitze und Staatsbürgerschaften.

Dem Versuch, sich die notwendige Expertise für die Abschöpfung dieses kunstaffinen Kapitals zu sichern, dienten schon die 1 Milliarde Dollar, mit denen der Staatsfonds Abu Dhabi (ADQ) dem französisch-israelischen Telekommunikationsunternehmer Patrick Drahi 2024 seine Anteile am Auktionshaus Sotheby’s abkaufte – eines der größten Investments der Kunstgeschichte. Sotheby’s wird im Dezember eine neue Luxus-Verkaufsserie mit dem Namen Abu Dhabi Collectors‘ Week starten.

Mit der Art Basel holen sich die Konkurrenten in Doha ebenfalls einen erfahrenen Partner an Bord. Deswegen investierte der katarische Staatsfonds Qatar Investment Authority (QIA) schon 2023 in Projekte der Lupa-Firmen von James Murdoch, Sohn des US-Medientycoons Rupert Murdoch. Lupa ist mit 38,52 Prozent größter Einzelaktionär der MCH Group ist, der die Art Basel gehört.

So entsteht in der sandreichen, aber bevölkerungsarmen Region ein Humus aus Wohlstand und Humankapital, der den scheinbar aberwitzigen Versuch weiterer Kunstmessen fast zwingend macht. Der lifestyle-pull, den die Migration dieser vermögenden Klientel mit sich bringt,trifft dort aber auch auf eine in den letzten 15 Jahren exorbitant gewachsene kulturelle Infrastruktur.

Bereitet wurde dieser Boden durch private Kunststiftungen wie die 2003 von der Familie Jameel gegründete mit ihren Dependancen in Dubai und Dschidda. 2010 schuf Sultan Sooud Al Qassemi aus dem Emirat Sharjah die Barjeel Art Foundation für seine private Kunstsammlung, Sheika Hoor Al Qassimi, der Tochter des regierenden Emirs, brandete mit der intellektuell anspruchsvollen Sharjah-Biennale die Region zum Anlaufpunkt des Globalen Südens.

Seit 2008 wuchs das von dem emiratischen Geschäftsmann Abdelmonem Bin Eisa Alserkal entwickelte Kunst- und Kreativquartier gleichen Namens in Dubai. 2024 öffnete der Philantrop Bassam Freiha in Abu Dhabi die bislang einzige private Kunststiftung des Emirats.

Dazu kommen die staatlichen Häuser: Neben dem 2008 erbauten I.M. Pei-Bau des Museums für Islamische Kunst, dem 2010 gegründeten Mathaf-Museum für Arabische Kunst und dem 2019 eingeweihten Nouvel-Bau des National Museum Qatar eröffnen bis zum Jahr 2030 in Doha mit dem Lusail-Museum ein Haus für orientalische Malerei, mit der Art Mill ein Zentrum für die zeitgenössische Kunst und ein Auto-Museum.

Im November eröffnete in Abu Dhabi das 35000 Quadratmeter große National History Museum im Saadiyat Cultural District, in diesem Monat das nach dem Staatsgründer benannte Zayed National Museum, das die 300.000 Jahre alte Geschichte der VAE insgesamt erzählen soll. 2026 folgt Frank Gehrys Guggenheim Abu Dhabi.

Selbst das bislang museumsfreie Dubai zieht nach: Der japanische Stararchitekt Tadao Andō wird im Auftrag der privaten Al-Futtaim-Group dem Emirat das Dubai Museum of Art bescheren. Das kreisförmige, lichtdurchflutete, fünfstöckiges Gebäude, das die Form einer Perle bekommen soll, wird sich aus dem Dubai Creek, einer Bucht am Persischen Golf erheben.

„Becoming“ – das Motto der neuen ABQ-Messe in Doha, nimmt das bei all diesen Kulturinitiativen verfolgte Narrativ auf, die Geschichte der Emirate als ewige Transformation von den Perlenfischern über die Beduinen bis zu den Schöpfern eines atemberaubenden, neuen Urbanismus zu zeichnen.

„Der Golf selbst ist eine Metapher für die Suche der Menschheit nach Entwicklung“, wendet Wael Shawky den Marketing-Slogan ins Überzeitliche: „Vom einen System zum anderen wechseln, voranschreiten, werden“. Wer wollte bei dieser Identitäts-Expedition fehlen?

Ergänzt wird das, sich rhizomartig ausbreitende, Kulturcluster am Golf durch den Nachbarn Saudi-Arabien. Mit der Riyadh Art Week hat das Königreich, in dem Kronprinz Mohammed bin Salman mit seiner „Vision 2030“ ebenfalls gehörig das Kulturzepter schwingt, das Berliner Modell eines dezentralen Messe-Substituts gewählt.

Dass selbst der, der Entwicklung etwas hinterherhinkende saudische Kunstmarkt nun international lukrativ wird, zeichnete sich schon Ende 204 ab, als das Auktionshaus Christie’s ein Büro in Riad öffnete. Konkurrent Sotheby’s erste Auktion von Kunst und Luxusgütern wenige Monate später in einem historischen Amphitheater dort, spielte auf Anhieb 17,28 Millionen Dollar ein.

Das 2014 in Dschiddah gegründete, Non-Profit-Festival „21,39 Jeddah Arts“, die staatlich finanzierten und kontrollierten Biennalen: eine für Kunst in Riads historischem Bezirk Diriyah und die Islamische Biennale in der Küstenmetropole Dschiddah, letztere wird künftig von Ex-MoMa-Chef Glenn Lowry beraten, haben den Grundstein für einen saudischen Kunstboom gelegt.

Im nächsten Jahr werden die erste Kunsthochschule Saudi-Arabiens eröffnen, Hartwig Fischer, der ehemalige Chef des British Museum, das neue Museum of World Cultures in Riad. In der Oase AlUla hilft das Centre Pompidou für 50 Millionen Euro bei der Entwicklung eines Gegenwartsmuseums. Im Gegenzug dürfen die Saudis 2030 im renovierten Stammhaus in Paris eine eigene Sektion eröffnen.

Summa summarum promotet diese Geburt dieses gigantischen, ästhetisch-kreativen Komplexes die Arabische Halbinsel zu einem veritablen art powerhouse, das die globale Zirkulation von Kunst neu ordnen wird. Demonstriert aber auch das interessante Modell sozialer Modernisierung durch Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft, statt – wie jetzt in Europa – durch Militär.

Bislang instrumentalisierten die Golfstaaten Kunst und Museen zum jeweiligen nation-building. Würden sie klug kooperieren, könnten sie der wechselseitigen Kannibalisierung entgehen und den „Golf wirklich zu einem einheitlichen Block formen, der interkulturell und engagiert ist“, glaubt die Journalistin Rebecca Anne Proctor, Spezialistin für die Kunst Golf und Autorin des 2023 erschienenen Buches „Art in Saudi-Arabia. A new creative economy?“.

Die Win-win-Situation für die involvierten West-Messen: Sie könnten nicht nur ihr Portfolio von Paris über die Armory Show bis nach Hongkong um die arabische Goldgrube arrondieren, sondern den, im letzten Jahr von Umsatzrückgängen im oberen Marktsegment geplagten, globalen Kunstmarkt durch die Ausweitung der Kaufzonen stabilisieren. Der Preis: Seine Duopolisierung.

In Doha gibt sich Wael Shawky derweil zuversichtlich, die Wasser dieser Sturmflut des Marktes auf die Mühlen der Kunst zu leiten. In Riad trafen sich im vergangenen Oktober auf Einladung der saudischen Regierung zum ersten Mal im arabischen Raum mehr als 1500 Kultur-Entrepreneure, um zu klären, wie „kulturelles Kapital“ in Investitionsmöglichkeiten umgewandelt werden kann.

Shawky dagegen träumt von dem Modell einer experimentellen Kunstmesse, will den darbenden arabischen Künstler:innen Sichtbarkeit verschaffen, neue Verdienstmöglichkeiten erschließen und den Austausch fördern.

Der Künstler setzt auf die ABQ als Katalysator des „intellectual discourse“, der in der Region fehle. Bleibt zu hoffen, dass der sympathische Mann bei dem millionenschweren powergame aus Globalstrategie und Investment-Hype nicht selbst zur Marionette der (Kunstmarkt-)Geschichte wird. Inshallah!

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