
Das Recht der Stärkeren. Auf diese Formel kapriziert sich spätestens seit dem Ukraine-Krieg die Debatte über die globale Ordnung. Nahezu unisono beschwören die Analytiker eine Welt, in der die USA, China und Russland ihre Sphären abstecken und die restlichen Staaten nur noch Vasallen sind.
Diesen globalstrategischen Pessimismus kontert der Politologe Volker Perthes in seinem jüngsten Buch mit einer überraschenden Gegenthese.
Der ehemalige Forschungsdirektor des regierungsnahen Thinktanks „Stiftung Wissenschaft und Politik“ (SWP), zeitweilig Sonderbeauftragter von UN-Generalsekretär António Guterres, sieht keine Rückkehr zu einer uni- oder bipolaren Ordnung.
Die internationale Staatenwelt, so sein Argument, habe sich in den letzten Jahrzehnten zu einer „multipolaren Konstellation“ von vier bis fünf großen Akteuren ausdifferenziert. Darin, so Perthes’ schwer zu widerlegender Befund, gebe es „keinen Hegemon, jedenfalls nicht für das ganze System“. Mag sich Donald Trump noch so sehr als solcher gebärden.
Als Belege für seine These führt Perthes Schwellen-Länder wie Brasilien, Indien, Südafrika oder Saudi-Arabien an. Diese Staaten bemühten sich, in der westlichen Sicherheitsarchitektur genauso präsent zu sein wie in dem von China initiierten „Seidenstraßen“-Projekt für globale Infrastruktur, dem Staatenbund Brics, dem Gegenpol zur westlichen dominierten G7, aber auch der EU.
Pertes arbeitet ihre Strategie „flexibler Koalitionen und transaktionaler Partnerschaften“ heraus. Er lobt die Politik von „Balance und Inklusion“ des Verband Südostasiatischer Nationen (Asean). Seine Beispiele belegen, dass sich in der post-imperialen Ära mehr Chancen eröffnen lassen als die Unterwerfung unter die Großmächte. Der „unvollständigen Weltmacht“ EU schreibt er die strategische Aufgabe ins Stammbuch, einen „globalen Pol“ zu bilden oder „selbst polarisiert“ zu werden.
Perthes argumentiert klassisch realpolitisch: Er setzt Staaten überwiegend mit Regierungen gleich. Kulturelle Faktoren der internationalen Politik deutet er mit den Stichworten „Wahrnehmung“, „Ausstrahlung“, „Soft Power“ ebenso nur an wie ökonomische Triebkräfte hinter staatlicher Interessenpolitik. Das Wort Imperialismus kommt bei ihm nicht vor.
Trotzdem ist sein Buch, auch wenn es etwas spröde geschrieben ist, ein profundes Handbuch zur internationalen Politik und Sicherheit – lesenswert nicht nur für die „strategic community“, der Perthes entstammt. Gerade weil der Autor die wechselseitige Abhängigkeit und Verflechtung der Staatenwelt detailliert aufzufächern versteht.
Nüchtern argumentiert Perthes gegen die Kriegsrhetorik der Autoritären Internationale wie gegen akademische Schreckensszenarien à la „Die Wiederkehr der Imperien“ (Herfried Münkler). Sein unaufgeregtes Plädoyer für eine globale „Ordnung, die auf der Charta der Vereinten Nationen, dem Völkerrecht und regelbasierter, multilateraler Zusammenarbeit beruht“, kommt zur rechten Zeit.
Volker Perthes: Die Multipolarisierung der Welt. Ein geopolitischer Wegweiser. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026, 352 Seiten, 26 Euro
Deutschlandfunk Kultur, 13.4.2026
