
Als er stirbt, ist Winny plötzlich ein Star. In dem Motiv des Aufstiegs eines jungen Mannes aus einfachen Verhältnissen in ein höheres soziales Milieu ähnelt Alan Hollinghursts jüngster Roman „Unsere Abende“ seinem legendären Werk „Die Schönheitslinie“, für das er 2004 den Booker-Prize erhielt.
Das neue Werk des 1954 geborenen Autors, von 1982 bis 1995 Kritiker des „Times Literary Supplement“, erzählt den Weg des jungen David Win, Sohn einer britischen Schneiderin und eines unbekannten burmesischen Vaters zu einem Schauspieler und Autor im Großbritannien der 60er Jahre bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts.
Der vielfach ausgezeichnete Hollinghurst gilt seit seinen Werken „Die Schwimmbad-Bibliothek“ von 1988 oder „Die Sparsholt-Affäre“von 2018 als der Chronist schwulen Lebens in Großbritannien. Man könnte es sich einfach machen und „Unsere Abende“ als Wende Hollinghursts zum modischen Topos der Intersektionalität zu werten. Sein Ich-Erzähler ist nicht nur ein Mischling, sondern auch schwul und entstammt kleinbürgerlichen Verhältnissen.
Angst vor der Schande
In allen Kategorien erfährt er die subtile Diskriminierung jener Zeit, in der der Roman spielt. Obwohl David sich als „charmant und beliebt“ erlebt, muss er sich oft das Wort „Schwuchtel“ anhören. Und auch seine alleinerziehende Mutter, die später eine Lebensgemeinschaft mit einer älteren Frau eingeht, fürchtet die „Angst vor der Schande“ selbst in dem sich liberalisierenden Großbritannien.
Diese repressive Toleranz schließt dann in dem jähen Finale des Romans zu der brutalen Homophobie unserer Gegenwart auf. Hollinghurst lässt Davids letzten Lebensgefährten Richard den, als Davids Memoiren angelegten Roman beenden.
Im Kern ist Hollinghursts Werk jedoch ein Gesellschaftsroman. Sein Autor ist ein großartiger Porträtist sozialer Milieus und Erfinder diffiziler Charaktere. Wie kaum einem anderen gelingt es ihm, das geistige und lebensweltliche Bild einer Epoche zu zeichnen.
Seine literarische Sonde führt von der gnädigen Bonhomie britischer Plutokraten wie Davids Ersatzvater, dem Mäzen Mark Hadlow, über das geduckte Kleinbürgertum seiner alleinerziehenden Mutter, bis zu dem labilen Prekariat des Theaters, das David am Tag seines College-Examens in einer Kurzschlusshandlung gegen eine bürgerliche Karriere eintauscht.
So unterschiedlich die Milieus sein mögen, in denen sich der Protagonist bewegt, so sehr durchzieht sie alle die Textur des alltäglichen Rassismus und der Xenophobie. Verkörpert wird sie in der Figur des machoiden, machtversessenen Giles Hadlow. Als Kontrastfigur zu dem intellektuellen Homme des Lettres David steigt Winnys einstiger Piesacker aus gemeinsamen College-Zeiten zum Brexit-Minister in einem konservativen Kabinett auf.
Gespinst der Ahnungen
„Unsere Abend“ fehlt das sexuell drastische von „Die Schönheitslinie“, auch wenn mehr als einmal ein „Ständer“ ins Bild kommt. In diesem Werk ist alle Erotik sublimiert. Der Roman ist ein Meisterwerk, so wie Hollinghurst die harten Themen race, class, sex und gender in ein feines Gespinst subtiler Selbstreflexionen, feinfühliger Beobachtungen und eleganter Dialoge hüllt.
Es ist diese unübertroffene, an Henry James erinnernde Erzählkunst, mit der Hollinghurst einmal mehr seinem Ruf gerecht wird, zu den besten britischen Schriftstellern zu zählen.
Alan Hollinghurst: Unsere Abende. Roman. Aus dem Englischen von Joachim Bartolomae. Albino, Berlin 2025, 616 Seiten, 28 Euro
Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 20.1.2026
