Das Kavala-Signal

„Wir haben den Glauben an Demokratie, Frieden und die Herrschaft des Rechts verloren“. Der Stoßseufzer, den die Istanbuler Wirtschaftsprofessorin Ayşe Buğra kürzlich ausstieß, galt eigentlich dem Schicksal ihres Mannes. Mit ihm ließe sich aber auch die Stimmung in der Kunstszene in der Türkei generell beschreiben. Nach dem überraschenden Zugriff auf Osman Kavala Mitte Oktober auf dem Istanbuler Flughafen kann sich niemand mehr Illusionen über die Lage machen. „Das Kavala-Signal“ weiterlesen

Bauernopfer Kulenkampff

Symbolpolitik der vordergründigen Art. Mehr ist die Entscheidung nicht, dass Annette Kulenkampff im nächsten Sommer ihr Amt als Geschäftsführerin der Documenta aufgeben wird. Zwar sieht es so aus, als ob die Stadt Kassel und das Land Hessen beherzt Konsequenzen aus dem saftigen Fünfmillionen-Defizit der 14. Ausgabe der Weltkunstschau ziehen. „Bauernopfer Kulenkampff“ weiterlesen

Istanbul-Biennale 2017: Kein Appeasement mit der Diktatur

Ein emotionsloser, durchdringender Blick hinter den dreckigen Fenstern eines Hauses. Kaum ein Werk demonstriert das Motiv des Doppeldeutigen, das die 15. Istanbul-Biennale durchzieht, besser als „Life Track“ – das Video des georgischen Künstlers Vajiko Vhachkiani. Treibt den langsam näherkommenden Mann in dem Bungalow Interesse oder Abwehr? Will er uns begrüßen, Angst machen, auf die Finger schauen? Kann man diesem leicht verwahrlosten Nachbarn mit fettigen Haaren trauen? „Istanbul-Biennale 2017: Kein Appeasement mit der Diktatur“ weiterlesen

Sinopale als Hoffnung

Die türkische Zivilgesellschaft lebt. Das war die Botschaft des Gerechtigkeits-Marsches des türkischen Oppositionsführers Kemal Kılıçdaroğlu von Ankara nach Istanbul. Die Nachricht von der Eröffnung der Sinopale ist ein weiteres Indiz, dass die Lichter der Freiheit und des Widerstands noch nicht gänzlich ausgegangen sind am Bosporus. „Sinopale als Hoffnung“ weiterlesen

Wahrnehmungssouveränität – Kunst und Politische Bildung

(1.Wer bin ich und was ist mein Bezug zur Politischen Bildung?)

(1) Mein Name ist Ingo Arend, ich arbeite als Kulturjournalist und Essayist für bildende Kunst, Literatur und Kulturpolitik. Auf meinem Blog Ästhetik und Demokratie befasse ich mich mit dem Zusammenhang von Kunst, Ästhetik und Politik. Mein Bezug zur politischen Bildung vermittelt sich über Kritik an Kunstwerken und über die Frage nach der politischen Wirkung von Kunst. Ich versuche heute auf den Beitrag von Kunst zur politischen Bildung einzugehen, in dem ich frage, wie Ästhetik unsere Wahrnehmung ausbildet. „Wahrnehmungssouveränität – Kunst und Politische Bildung“ weiterlesen

Eine Frage des offenen Blicks

Als türkische Richter vergangenes Jahr die kurdische Künstlerin Zehra Doğan fragten, ob sie Fotos türkischer Häuser in Kurdistan mit türkischen Flaggen versehen habe, antwortete die junge Malerin und Journalistin wie einst Picasso: „Sie haben dieses Bild gemalt, nicht ich“. Mit denselben Worten hatte der Maler einst einen deutschen Soldaten in Paris beschieden, der ihn fragte, ob er das Bild „Guernica“ gemalt habe – eine Ikone der politischen Kunst. Picassos Antwort sollte zeigen: Dass dieses Bild überhaupt nötig geworden war, das war allein die Schuld der Deutschen. „Eine Frage des offenen Blicks“ weiterlesen

Von Athen lernen oder Kassel demontieren?

20170406_185505„Documenta is the Botox of Capitalism“. Die Umhängetasche mit diesem Spruch, mit der ein Biennalen-Aktivist über die Documenta 14 in Athen flanierte, war natürlich eine populistische Provokation. Ganz abwegig ist der Spruch nicht.

Viele der derzeit fast 200 Biennalen in aller Welt verdanken sich politischen Instrumentalisierungen. Sie dienen dem „nation building“ oder lokalem Stadtmarketing. Und auch diese Schau ließe sich als Geste kultureller Wiedergutmachung für die Austeritäts-Politik Angela Merkels und Wolfgang Schäubles lesen. Stammt doch der überwiegende Teil des Geldes, das die Documenta in Hellas ausgeben konnte, vom deutschen Steuerzahler. „Von Athen lernen oder Kassel demontieren?“ weiterlesen

Jenseits des binären Codes

main Ein weißer Quader, wie aus dem Bilderbuch des architektonischen Minimalismus. Darinnen ein Labyrinth verschachtelter Räume, das Ganze aufgestellt in einem öffentlichen Park. „Cruising Pavillon“ nannte das Künstlerpaar Elmgreen & Dragset 1998 seine Installation in Aarhus. Mit ihr visualisierte es das Paradox, dass die schwule Subkultur ihre intimen Räume oft genug dadurch gewinnt, dass sie „straighte“ Kontexte umfunktioniert. „Jenseits des binären Codes“ weiterlesen