Jenseits des binären Codes

main Ein weißer Quader, wie aus dem Bilderbuch des architektonischen Minimalismus. Darinnen ein Labyrinth verschachtelter Räume, das Ganze aufgestellt in einem öffentlichen Park. „Cruising Pavillon“ nannte das Künstlerpaar Elmgreen & Dragset 1998 seine Installation in Aarhus. Mit ihr visualisierte es das Paradox, dass die schwule Subkultur ihre intimen Räume oft genug dadurch gewinnt, dass sie „straighte“ Kontexte umfunktioniert. Continue reading

Occupy Museum

vaglogo „Museum Kunstpalast on the brink of an desaster“. Those were the headlines in the spring of last year. The museum, rich in tradition, in the capital of german state northrine-westfalia had to announce its temporary shutdown as an arts museum. The reason: the sponsor for many years, EON, one of the largest energy-companies ended ist cultural engagement for the house. Until the end of 2017, which means this year, the trust wants to withdraw from ist financing of the museum kunstpalast – „amongst other things“- as it was announced in the notification somewhat bashful, because of the move of the companys headquarter to Essen. Continue reading

Kultur gegen rechts?

2013_6_14_1_41_51_11373_781Was tun gegen rechts? Über kaum eine Frage streitet der Kulturbetrieb derzeit leidenschaftlicher. Reicht es noch, so das stete Memento, Ausstellungen zu eröffnen, Festivals zu besuchen oder neue Paul-Auster-Romane zu lesen, wenn gerade Demokratie, Europa und Menschenrechte geschleift werden?

Der Fotokünstler Wolfgang Tillmans beschwor dieser Tage pathetisch den „Kairos-Moment“: Historische Aufgabe der Stunde sei es, so der sonst eher zurückhaltende Liebhaber des subkulturellen Faltenwurfs, die libertäre gegen die autoritäre Gesellschaftsordnung zu verteidigen. Muss die Kultur also jetzt Aufstehen gegen rechts?

Nichts gegen Aktionen wie die „EcoFavela“, mit der sich das Hamburger Kampnagel-Theater vor zwei Jahren zur temporären Flüchtlingsunterkunft umfunktionierte. Wie wohl sie ästhetisch hinter Christoph Schlingensiefs „Ausländer raus“-Container zurückfiel. 2000 hatte der Regisseur in Wien Asylbewerber in einen Big Brother-Container gesperrt und das Publikum über deren Schicksal entscheiden lassen. Dennoch ist vor dem Trugschluss zu warnen, Kunst und Kultur ließen sich als schnelle Einsatztruppe gegen den Rechtsruck einsetzen.

Ganz so einfach, wie die fröhliche Reinigungsfantasie, der Michel Abdollahi jüngst Gestalt verlieh, funktioniert der kommende Kulturkampf (vermutlich) nicht. Der überdimensionierte Schwamm, den der deutsch-iranische Künstler vergangenen Herbst in die Hamburger Hafencity gelegt hatte, sollte uns weismachen: Mit einem Wisch ist alles weg: Vom Rechtspopulismus bis zum Fremdenhass.

Schön wär’s. Aber auch die gut bestückte deutsche Museumslandschaft wird die Heerscharen von Armuts- und Klima-Flüchtlingen nicht aufnehmen können, die demnächst in den Norden aufbrechen dürften. Und dass Ausnahme-Kunst noch keinen politischen Erfolg garantiert, musste auch Wolfgang Tillmans erfahren. „Kein Mensch ist eine Insel“ die spektakuläre Plakataktion mit der der deutsche Wahlbrite gegen den Brexit mobil gemacht hatte, stoppte die Isolationisten nicht.

Natürlich kann Kultur einen Mentalitätswechsel befördern. Und wenn Berlins neuer Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert jetzt die berühmten „Abgehängten“ im Land „kulturell wieder zurückholen“ will, zeigt das, dass auch die Politik langsam begreift: Mindestens genauso wichtig wie die Leuchtturmkultur in den Metropolen ist die kulturelle Grundversorgung in der Peripherie.

Nur: Gerade weil Mentalitätswechsel lange dauern, darf man das ästhetische Kind eben nicht mit dem aktionistischen Bade ausschütten. Martin Roth hätte das Londoner Victoria and Albert Museum aus Protest gegen den Brexit nicht verlassen sollen. Christo sollte sein Over-the-River-Projekt in Colorado nicht dem Ärger über Trump opfern. Der Kunststreik, den die amerikanischen Artisten am Tag der Inauguration von Donald Trump ausriefen, war eine Schnapsidee.

Und der Westfälische Kunstverein sollte seinen Schauraum kommenden Freitag wegen einer AfD-Versammlung in Münster auf keinen Fall schließen. Vorbildlich dagegen das New Yorker MoMA: Wenige Tage nach Trumps Einreisebann zeigte eines der wichtigsten Kunstmuseen der Welt Werke aus den sieben Ländern, für die das umstrittene Dekret galt.

Anders als Roth, Christo und der Kunstverein reagierte das MoMa nicht mit Verweigerung, sondern nutzte die Kunst für ein starkes Statement. Nicht weniger Kunst, sondern mehr Kunst, lautet die Losung.

Natürlich ist sie kein Allheilmittel. Doch wer sie erlebt, der beginnt, anders zu denken. Die Kunst schärft den ästhetischen und demokratischen Eigensinn, gegen den die Demagogen und Autokraten am Ende machtlos sind.

Drink of the day: Mexicano

cocktail_mexicano-12 parts tequila, 1 tsp grenadine, ½ parts lemon juice, 1 part pineapple juice. ice cubes. fill up the shaker with ice, pour pineapple, juicelemon, juicegrenadinetequila into the shaker, shake well, strain into the cocktail glass. Raise your glass, pay a tribute to the (hard working) mexican people. Donald J. Trump will pay for it (reimbursement).

Ein guter Nachbar

f234b443598f4725368bf86ba75183b5_db3f023a84b04709f71fdd98af0326212000x1328_quality99_o_1a39374ie7fkc0it7d1rcvcogaEinen guten Nachbarn? Hätte vermutlich jeder gern. Jemand, der deine Post im Urlaub sammelt oder schnell mal als Babysitter einspringt. Auch gegen eine alte Dame hätten wir nichts, die uns zum fünfzigsten Mal die Geschichte ihrer Enkel erzählt. Ein Mann freilich, der seine Tür mit der Waffe in der Hand öffnet, sollte es möglichst nicht sein.

Schwer zu sagen, was einen guten Nachbarn wirklich ausmacht: Er soll hilfsbereit sein, aber doch zurückhaltend, intim, aber diskret, vertraut und fremd. Jedenfalls hat jeder welche. Nachbarn stehen für das Netzwerk unseres Lebens, verkörpern die Frage: Wie gehen wir miteinander um?

So gesehen ist „A good neighbour“ – der Titel, den die Istanbul-Biennale dieser Tage für ihre 15. Ausgabe im nächsten Herbst bekannt gab, eine raffinierte Wahl. Elmgreen&Dragset, das dänisch-norwegische Kuratoren-Duo, das den Laden diesmal nach dem Willen der die Biennale tragenden Istanbuler Stiftung Kunst und Kultur (IKSV) schmeißen soll, ist eigentlich für spektakuläre Inszenierungen bekannt. Im Sommer 2009 sorgten die beiden auf der Venedig-Biennale mit ihrem Setting „Tod eines Sammlers“ für Aufsehen.

Lange hatte die Kunstwelt gerätselt, was sie im politisch-ideologisch verminten und schwer von der after-coup-Depression geschlagenen Istanbul vorhaben, in dem alle die nächste Bombe fürchten. Nun hat sich das Künstlerduo für eine semantische Operation entschieden, wie sie hintersinniger und eingängiger nicht sein könnte.

„A good neighbour“ – dieses Motto versteht in der, in „Mahalle“ – „Nachbarschaften“ organisierten Türkei jeder auf Anhieb. Es kommt freundlich, fast gemütlich daher, ohne allzu kritisch mit der Tür ins Haus zu fallen. Man kann aber allerlei darin verstecken.

Die Begründung der Kuratoren von dem „Mikro-Universum der Herausforderungen“ und dem „Heim als Vehikel des Selbstausdrucks“, ist nämlich nur die soziologisch verbrämte Verpackung für die politisch brisantere Frage nach friedlicher Koexistenz nach innen und nach außen.

„Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt“ – weiter entfernt von dem Motto, das Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk einst für sein Land formulierte, könnte Recep Tayyips Erdoğans Türkei von heute kaum sein, wo Denunziation und Drohgebärden unter Nachbarn an der Tagesordnung sind.

Im Guten wie im Schlechten: Die Sache könnte spannend werden. Bleibt die interessante Frage, ob die beiden flamboyanten, offen schwulen Kuratoren auch wirklich realisieren dürfen, was sie sich vorstellen. Seit im vergangenen September schon die klitzekleine Çanakkale-Biennale im Westen der Türkei nach der Hass-Kampagne eines lokalen AKP-Abgeordneten kurz vor der Eröffnung gecancelt wurde, wissen wir: Es gibt auch ziemlich böse Nachbarn. Sie schrecken vor Rufmord und Gewalt nicht zurück.

Eine für alle?

abmb15_public_general_impresssions_3177_copyZombie-Abstraktion und tumbe Malerei. Christian Viveros-Fauné, der Kritiker des Online-Magazins „artnet“, war entsetzt. Beim Gang über die, jedes Jahr Anfang Dezember öffnende Art Basel Miami Beach, entdeckte er vor ein paar Jahren nur Kunst, die „schön, glitzernd und substanzlos bis zum Punkt“ war. „Leicht wie Luft“ müssten die Arbeiten sein, die den Mega-Reichen gefallen, die sich dort regelmäßig tummeln. Ihre kritische Kraft habe die dort angebotene Kunst in den „Mülleimer der Geschichte“ befördert, so grell und effekthascherisch wie sie sich dort gebe. Continue reading

Der Unbesiegbare

pic_d9eebbb1a88eac8d9914ea690d8fca6aHand aufs Herz: Eine klammheimliche Freude dürfte nicht wenige beschlichen haben, als sie die Nachricht vom angeblichen Putsch in der Türkei auf ihren Smartfons vorfanden. Die Vorstellung, dass der stolze Diktator vom Bosporus, aus einem Fotoautomaten zum Volkssturm in Istanbul aufrufen muss. Der Gedanke, dass das autoritäre Großmaul in Berlin oder Teheran um Asyl bettelt, wie es die Gerüchte wissen wollten – diese Bilder hatten etwas Erheiterndes. Der rituelle Stoßseufzer vieler Freunde in der Türkei: „Kann der nicht einfach mal tot umfallen, einfach weg sein?“ schien sich zu erfüllen. Continue reading

Liebe, Sex und Tod. Über den Kurator Frank Wagner (1958-2016)

csm_530c901ae1944_36ba7bd1daIn einem ihrer berühmten Projekte hat die neue Gesellschaft für Bildende Kunst – nGbK – vor ein paar Jahren eine Arbeits-Gruppe namens „Wissensspeicher“ eingerichtet. Normalerweise würde man „Archiv“ zu so etwas sagen. Aber mit der wenig attraktiven Vokabel assoziiert man so langweilige Sachen wie das Sammeln und Ablegen von Informationen. Wissensspeicher klingt lebendiger. Mit dem Wort Wissensspeicher sollte angezeigt, dass es nicht nur um das Horten verstaubter Geschichtsdaten ging, sondern um lebendiges Wissen, darum, ein Potential für die Zukunft zu erschließen. Continue reading

ESC : Die politische Kraft des ästhetischen Moments

urn-newsml-dpa-com-20090101-160515-90-000460_201605150919_full„Ist dieses Europa-Singen jetzt endlich rum?“. Mit diesem genervten Post mokierte sich vergangenes Wochenende der SPD-Europaabgeordnete Jens Geier auf seinem Facebook-Account über das Ende des European Song Contest (ESC). Nun sind persönliche Geschmackspräferenzen das eine. Niemand kann Jens Geier zwingen, das was man früher etwas abschätzig „Schlager“ nannte, zu mögen. Es gibt jede Menge illustre ESC-Verächter. Der Essener Abgeordnete sitzt auch nicht wegen Kunst und Kultur im Europäischen Parlament, sondern wegen so wichtiger Fragen wie dem europäischen Haushalt, wegen der Industrie- und Energiepolitik. Continue reading

Erdoğans Kulturrevolution

3-formatOriginalSpeertragende Wächter, Krieger in schimmernden Kettenhemden und Soldaten mit Goldhelmen. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas staunte nicht schlecht beim Staatsbesuch vergangenes Jahr in der Türkei. Auf der Freitreppe seines funkelnagelneuen Präsidentenpalastes in Ankara hatte Präsident Erdoğan 16 kostümierte Soldaten antreten lassen – lebende Symbole der 16 Sterne seines Siegels, die für die 16 anatolischen Reiche stehen. Continue reading