ESC : Die politische Kraft des ästhetischen Moments

urn-newsml-dpa-com-20090101-160515-90-000460_201605150919_full„Ist dieses Europa-Singen jetzt endlich rum?“. Mit diesem genervten Post mokierte sich vergangenes Wochenende der SPD-Europaabgeordnete Jens Geier auf seinem Facebook-Account über das Ende des European Song Contest (ESC). Nun sind persönliche Geschmackspräferenzen das eine. Niemand kann Jens Geier zwingen, das was man früher etwas abschätzig „Schlager“ nannte, zu mögen. Es gibt jede Menge illustre ESC-Verächter. Der Essener Abgeordnete sitzt auch nicht wegen Kunst und Kultur im Europäischen Parlament, sondern wegen so wichtiger Fragen wie dem europäischen Haushalt, wegen der Industrie- und Energiepolitik. Continue reading

Erdoğans Kulturrevolution

3-formatOriginalSpeertragende Wächter, Krieger in schimmernden Kettenhemden und Soldaten mit Goldhelmen. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas staunte nicht schlecht beim Staatsbesuch vergangenes Jahr in der Türkei. Auf der Freitreppe seines funkelnagelneuen Präsidentenpalastes in Ankara hatte Präsident Erdoğan 16 kostümierte Soldaten antreten lassen – lebende Symbole der 16 Sterne seines Siegels, die für die 16 anatolischen Reiche stehen. Continue reading

Documenta – Airlines

A320_Aegean_Airlines_2-e1457705969859 Ein schmales, silbernes Band, wie ein unruhiger Quecksilberfluss schlängelt es über ein schwarzes Quadrat, von links oben nach ganz rechts unten. Aufmerksame Beobachter der 14. Documenta haben natürlich längst gemerkt, dass die elegante, minimalistische Abstraktion, die seit kurzem deren Website ziert, keineswegs nur zauberhaftes l’art pour l’art darstellt, sondern einen Weg beschreibt: Den von Kassel nach Athen nämlich. Der Stadt, von der wir im nächsten Sommer alle „lernen“ sollen. Je länger man darauf schaut, desto mehr ähnelt sie aber auch der Fluchtroute durch den europäischen Südosten, die derzeit unbedingt abgeriegelt werden soll. Continue reading

Langeweile ist eine Produktivkraft

boredom2Die Langeweile ist der Hauptfeind unserer Generation, weil wir damit aufgewachsen sind, verwöhnt und von Reizen überflutet. Wir sehnen uns nach der Unterbrechung der Langeweile. Wer an Hunger leidet und nicht im Adlon sitzt, langweilt sich nicht. Wir sind nichts als Produkte einer postmateriellen Generation, die nur noch mit der Langeweile zu kämpfen haben.« In der Mitte klafft ein Loch. Die Amüsiergesellschaft kennt keine Gnade. Von Aufregung geht es zu Event. »Die Sehnsucht danach, die Langeweile zu brechen« ist schwer zu befriedigen. Doch die »Mutter des Nichts« (Leopardi) schlägt garantiert zurück. Continue reading

Ästhetin an der Schnittstelle

cmacelRaymond Hains, Sophie Calle, Gabriel Orozco – wer sich auf die Suche nach der kuratorischen Handschrift der Christine Macel macht, trifft auf eine lange Liste von Schauen illustrer Gegenwarts-Künstlerinnen, aber nicht auf das ganz große Projekt. Dass muss nicht heißen, dass die französische Kunsthistorikerin eine Verlegenheitslösung für die nächste Biennale von Venedig wäre oder die Frauenquote nach oben treiben soll. Vergangenen Freitag berief der Biennale-Vorstand die Chefkuratorin des Pariser Centre Pompidou zur Kuratorin der 57. Ausgabe im Frühsommer 2017. Continue reading

Kultur der Rechtlosigkeit

images Am vergangenen Sonntag kam die erlösende Nachricht. Alle inhaftierten Teilnehmer des Friedensmarsches „I am walking for Peace“ sind frei. Ende Dezember hatte sich ein Häuflein Unverzagter auf den 1500 Kilometer langen Weg von Bodrum an der Ägäis in das von türkischen Sicherheitskräften belagerte Diyarbakir im Südosten der Türkei gemacht. Darunter waren die bekannten türkischen Künstlerinnen Pinar Ögrenci und Atalay Yeni.
„Der einzige Weg, diesen Krieg, Tod und Zerstörung zu beenden, die wir in diesen Tagen erleben, ist der, unsere Forderung nach Frieden noch lauter, gemeinsam und mutig zu erheben und in Solidarität mit den Menschen der Region zu stehen“ hatten sie ihren Appell im Internet begründet. Continue reading

Jetzt wird aufgeräumt

20151101_160819„Da haben die doch dran gedreht“. Den meisten Freundinnen steht das ungläubige Entsetzen ins Gesicht geschrieben, als sie an dem milden Sonntagnachmittag an Berlins Kottbusser Tor eintrudeln und auf den wackligen Großbildschirm starren, den die Kreuzberger HDP vor dem Südblock aufgestellt hat. „50 Prozent für diese Verbrecher, die HDP hat in Istanbul bloß neun, ich fasse es nicht“ zischt Özlem mit versteinertem Gesicht.

Bei der Wahlparty zur türkischen Parlamentswahl vor fünf Monaten Anfang Juni tanzten hier noch alle wie nach dem Mauerfall. Heute Abend stehen alle mit gesenkten Köpfen herum, rufen Bekannte in der Türkei an, starren in ihre Smartfone, murmeln Verwünschungen. Bülent klammert sich noch an eine vage Hoffnung: „Von wegen 71 Prozent der Urnen sind ausgezählt.“ Hektisch scrollt er seine Twitter-Meldungen herunter, tippt immer wieder mit spitzem Zeigefinger auf das Handy.

„Auf der Website der Hohen Wahlbehörde steht, es sind erst 33 Prozent ausgezählt. Die Agenturenzahlen im Fernsehen sind psychologische Kriegsführung.“ Doch die Ergebnisse hellen nicht auf, immer dunkler wird die Nacht. „Nein, nein, ich will diesen Heuchler nicht sehen“ ruft Buket und schlägt die Hände vor’s Gesicht, als auf dem Bildschirm das grinsende Gesicht von Premier Davutoglu aufflimmert, der seine Siegsrede auf dem Balkon der AKP-Zentrale in Ankara beginnt.

Plötzlich kommt Bewegung in die traurige Masse. Auf einem Balkon des Wohnturms hinter dem Flachbau haben ein paar Bewohner die türkische Flagge entrollt. „Lang lebe Öcalan“ skandieren ihnen die unten entgegen. Ein Böller fliegt nach oben, entlädt sich krachend. Blitzschnell spurtet ein Stoßtrupp 1.-Mai-gestählter Polizistinnen durch die dichte Menge und macht die Werfer dingfest.

Es sah deprimierend symbolisch aus, als die Jungs der HDP spät nachts das Plakat „Hemen Barış! Hemen Demokrasi! – Frieden jetzt! Demokratie jetzt!“ einrollen, das sie zwischen zwei Laternenpfähle an der Skalitzer Straße gespannt hatten. Hier wird jetzt aufgeräumt. Morgen vermutlich auch am Bosporus.