Moralisch beschränkt – Das Zentrum für Politische Schönheit

„Armes Volk, selbst in den Gräbern stört man deine Ruhe!“ Alexander von Humboldt, Altmeister der Künstlerischen Forschung, plagte ein schlechtes Gewissen, als er 1800, auf einer seiner Südamerika-Reisen, aus der Höhle von Ataruipe, einer Begräbnisstätte des ausgestorbenen Stammes der Atures-Indianer, Knochen und Schädel mitgehen ließ. Ihm schwante schon, dass er da an einer moralischen Grenze operierte.

Von derlei Selbstzweifeln war das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) gänzlich ungetrübt, als es in Polen die Asche mutmaßlicher Holocaust-Opfer mitgehen ließ, um sie als illuminiertes Beweismittel in Sachen unterlassener Erinnerung im Berliner Regierungsviertel auf einen Stahlpfahl zu ziehen.

Etwas wie diese morbide Lavalampe mit posthumanen Schwebestoffen muss Guy Debord vor Augen gehabt haben, als er sein Verdikt „Die Gesellschaft des Spektakels“ schrieb.

Der Zweck des größtmöglichen Schockeffekt heiligt bei Philipp Ruchs Gesellschaft mit moralisch beschränkter Haftung nicht zum ersten Mal die pietätvollen Mittel. Die toten Einwanderer von den EU-Außengrenzen, denen die Hohepriester der grausamsten Kunstfreiheit vor vier Jahren Schau-Gräber in Berlin aushoben, hatten wahrscheinlich per Patientenverfügung eingewilligt, als Demonstrationsobjekte der Direct Action zur letzten Ruhe gebettet zu werden.

Bedurfte es erst des massiven Protestes der Hinterbliebenen und der Opferverbände, um die die nekrophilen Marterpfähle wieder zu verhüllen? Oder war diese Volte auch nur höhere Dialektik, die wir nicht verstehen, solange wir noch nicht das Ruß-Mal der Gerechten und Erleuchteten tragen?

Sich zu entschuldigen, sich im gleichen Atemzug aber als „Sturmtruppe für die Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit“ wieder aus dem Sumpf des Kniefalls zu ziehen, wie es am Ende des Nostra-culpa-Textes des ZPS hieß, ist der Gipfel politmoralischen Virtuosentums.

„Gedenken heißt kämpfen“ steht auf einem Banner über dem stählernen Erinnerungspoller. Die Nähe zur NS-Rhetorik ist fatal. Die Sturmtruppen zur Errichtung der sittlichen Schönheit, der nationalen Poesie und des menschlichen Großreinemachens, deren mörderisches Erbe das ZPS eigentlich aufgearbeitet und perspektivisch wissen will, hätten es nicht martialischer skandieren können.

„Die Hoffnung auf den Moralischen Fortschritt der Menschheit liegt in der Kunst“ hat Philipp Ruch einmal gesagt. Wer in ihrem Subgenre Erinnerungsästhetik derart fundamental versagt, sollte die Gummizelle falsch verstandener Schönheit aber besser endgültig schließen.

Kulturtalk mit Häppchen – SPD und Europa

„Meine Herren, der Kampf in Paris ist nur ein kleines Vorpostengefecht, die Hauptsache in Europa steht uns noch bevor und ehe wenige Jahrzehnte vergehen, wird der Schlachtruf des Pariser Proletariats ›Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggange!‹ der Schlachtruf des gesamten europäischen Proletariats werden“.

Als August Bebel am 25. Mai 1871 vor dem Deutschen Reichstag in Berlin seine Solidarität mit der Pariser Commune  bekundete, fackelte Otto von Bismarck nicht lange. Sofort ließ der eiserne Reichskanzler die vaterlandslose SPD unter polizeiliche Beobachtung stellen.  

Natürlich ist es albern und unhistorisch, die revolutionäre Vormoderne des ausgehenden 19. als Kontrastfolie vor die reflexive Moderne des 21. Jahrhunderts zu schieben. Und die Gilet Jaunes auf den Champs Élysées sind wahrscheinlich doch eher nicht die Wiedergänger der Kommunarden, die vor fast 150 Jahren Napoleons Kaisersäule auf dem Place Vendôme stürzten.

Trotzdem würde man sich wünschen, dass die vom Aussterben bedrohte Formation, die immer noch auf den Namen Sozialdemokratie hört, wenigstens gelegentlich zu der Entschlossenheit ihrer Altvorderen zurückfindet.

Zwar sprach SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel, beim alljährlichen Kulturempfang des Kulturforums seiner Partei, dem der scheidende Oppositionschef in Hessen vorsteht, am Mittwochabend in Berlin mit Blick auf den 26. Mai von einer „Schicksalswahl, einer Richtungswahl“. Dennoch kam nie an diesem Abend nie ein Gefühl der Dringlichkeit auf.

Vielleicht lag es daran, dass die Einladung zu dem Abend wie die verkorkste Werbung für eine Dating-App daherkam. „Es müsste Liebe sein. Wir und Europa“ war das mit kaum hundert Gästen schwach besuchte Meeting unterm Fernsehturm übertitelt. Vielleicht lag es auch nur daran, dass Martin Schulz fehlte. Dem leidenschaftlichen Rhetor nimmt man die Love Affair mit Europa wirklich ab.

Natürlich wird viel Richtiges gesagt an solchen Abenden. SPD-Spitzenkandidatin Katarina Barley, die deutsch-britische Noch-Bundesjustizministerin, beklagte den „bröckelnden Wertekonsens“ in Europa. Angesichts der Bedrohung Europas von rechts seien die Bürger aber „aufgewacht“. „Im Herzen“ seien die am Ende dann doch europäisch, versuchte sie Optimismus zu verbreiten. Dem deutsch-französischen Schauspieler Christian Berkel ging es gegen den Strich, dass „die Lust an der Vielfalt unterdrückt“ wird.

Es war bezeichnend, dass ein mutmaßliches Nicht-SPD-Mitglied den Finger in die Wunde legte. „Haben wir Momente der Solidarität verschlafen?“ fragte die Autorin Jagoda Marinić mit Blick auf die verratenen Werte Europas: Den Umgang mit Flüchtlingen, das Spardiktat gegenüber Griechenland, die krassen Einkommens-Unterschiede zwischen Nord und Süd. „Es gibt auch ein Erfahrungseuropa. „Wir müssen ehrlich sein und unsere eigenen Schwachstellen sehen“, schrieb die 1977 in Waiblingen geborene Tochter jugoslawischer Gastarbeiter den Europhilen ins Stammbuch.

Angesichts dieses „Glaubwürdigkeitsproblems“ (Marinić) nützt es nicht viel, wenn SPD-Wahlkämpfer ständig stolz die „Vereinigten Staaten von Europa“ beschwören, die die die Partei in ihr Heidelberger Programm von 1925 schrieb. Und sich wundern, warum sie trotzdem niemand wählt. Gelingt es ihnen nicht,  den Abgehängten das „soziale Europa“, das Katarina Barley beschwor, im eigenen Leben erfahrbar zu machen, dürfte die Anti-Europa-Stimmung, die sich die Rechtspopulisten ausnutzen, kaum verschwinden.

Nimmt man den matten Abend als Lackmustest für den Wahlausgang in einer Woche, dürfte es düster aussehen für die europäische Traditionstante SPD. Konnte sie für den Talk mit Häppchen doch so gut wie keine wirklich ausstrahlungsfähigen Kulturschaffenden „empfangen“. Sieht man von allerlei Fußvolk aus dem Regierungsviertel, Ex-Kulturstaatssekretär Tim Renner und den wackeren Dauergästen dieser Empfänge wie Klaus Staeck, Gesine Schwan und Rolf Hochhut ab. Selbst die Urgesteine Katja Ebstein und Mario Adorf fehlten. Kurzum: Keine kulturelle Hegemonie, nirgends, über niemanden.

Das gleichsam anorganische Verhältnis der SPD zur Kultur belegte auch die Ortswahl für das schwunglose Get-Together. Statt in ein Theater, ein Kino, ein Museum, eine Galerie oder in einen der zahllosen, gentrifizierungsbedrohten Kultur-Spaces der Stadt, lud das Kulturforum in eine seelenlose, pseudocoole „Eventlocation“ am Alexanderplatz mit Plüschmöbeln, Stahlregalen mit vergoldetem Nippes und Buchattrappen. Wohin man auch schaut bei dieser ausgezehrten Formation – es fehlt einfach an allen Ecken und Enden an einer Idee von kämpferischer Solidarität. INGO AREND

Jean Nouvels „Desert Rose“ in Qatar

„Desert Rose“ – so heißen vielleicht B-Movies über verblühte Provinzschönheiten. Doch Jean Nouvel hätte keine bessere Formel finden können für sein neuestes Projekt. Denn das Schicksal des Staates, für den der französische Stararchitekt seinen jüngsten Solitär entwarf, ähnelt den Blütenformationen aus mineralisiertem Sand zum Verwechseln, die den lyrischen Namen Wüstenrose tragen.

Dass Katar, ungefähr so groß wie Hessen, das reichste Land der Welt werden würde, war der unwirtlichen Halbinsel am Persischen Golf nicht in die Wiege gelegt. Dass sich das gerade eröffnete National Museum of Qatar, das jetzt diesen kometenhaften Aufstieg feiern soll, wie eine Wüstenrose aus arabischem Sand erhebt, ist ein sinnfälliges Bild für diese außerordentliche zivilisatorische Karriere.

1904, gut fünfzig Jahre, nachdem sich die aus dem Norden Qatars ausgewanderte Sippe der al-Thani den Flecken Al Bidda im Süden unter den Nagel gerissen und ihre Konkurrenten nach Bahrein vertrieben hatten, beherbergte die Stadt gerade einmal 6500 Einwohner mit 350 Perlenfischer-Booten. Heute ist Doha, das daraus wuchs, eine Millionenmetropole.

Pritzker-Preisträger Jean Nouvel, inzwischen 73 Jahre alt, verklärt die Formfindung für das neue Haus gern, wenn er von einer Eingebung spricht. Doch welches Symbol hätte er sonst wählen sollen? Die Perle, die mythische Ressource des Landes, war schon besetzt.

„The Pearl“ nennt sich ein 400 Hektar großes künstliches Eiland vor der Ostküste Dohas mit Luxusvillen, Strand und Yachtclub für den internationalen Millionärs-Jet-Set. Blieb – neben den architektonisch schwer visualisierbaren Bodenschätzen Öl und Gas – nur noch die andere, ebenfalls im Überfluss vorhandene, natürliche Ressource: Sand.

Der Bau ist freilich alles andere als eine mondäne Notlösung für das Repräsentationsbedürfnis der kunstvernarrten Herrscherfamilie geworden. Die atemberaubende Form des 52.000 Quadratmeter großen Gebäudes toppt Nouvels, Ende 2017 eröffnete Kuppel aus Metallsternen für den Louvre Abu Dhabi noch einmal.

Die Dohaer Wüstenrose dürfte in die Liste der modernen Weltwunder aufrücken – irgendwo zwischen der jordanischen Felsenstadt Petra und Frank Gehrys Museum in Bilbao.

Wie eine Land-Art-Skulptur, eine geologische Faltung wächst der sandfarbene Verhau aus 539 vertikalen und horizontalen Diskussen aus ultrahochfestem Beton aus dem Sand an Dohas Corniche – so elegant wie zerbrechlich, so komplex wie poetisch.

Um das komplizierten Haus nur planen zu können, mussten die Firmen Hyundai und Gehry Technologies das weltweit größte, dreidimensional operierende „Building Information Model“ (BIM) entwickeln. Im Gegensatz zu den Hunderten Toten auf den Baustellen für die Stadien der Fußball-Weltmeisterschaft 2020 soll bei dem Bau nur ein Arbeiter – eines natürlichen Todes – gestorben sein.

Das bis zu 40 Meter hohe Haus ist auf Symbolwirkung gebaut. Trotzdem öffnet diese raumgewordene Intersektionalität neue museale Räume. Denn das Gewirr aus Schnittstellen und Überblendungen erzeugt im Inneren einen Parcours permanenter Überraschungen und verschobener Perspektiven. Besucher durchschreiten das Gebäude wie ein ständig wechselndes Kraftfeld. Kein Raum gleicht dem anderen.

Souverän verbindet Nouvel Tradition und Moderne: Das avantgardistische Halbrund nimmt die Kreisform einer Karawanserei auf. Sanft umschließt es den alten Königspalast von Sheikh Abdullah bin Jassim al-Thani, dem Sohn des Staatsgründers. Von 1975 bis 1996 residierte das National Museum of Qatar in dem charakteristischen Flachbau.

Abgerundet wird der Komplex durch einen 112.000 Quadratmeter großen Landschaftspark und eine 900 Meter lange, künstliche Lagune. Drei Jahre hat der französische Künstler Jean-Michel Othoniel an seinem bisher größten Werk „ALFA“ gearbeitet. 114 Fontänen, jede individuell aus schwarzen Perlen konstruiert, spielen auf das Alphabet und die arabische Kalligraphie an. Ihre Reflexe auf der Lagune wirken wie zerfließende Tuscheflecken auf einer Wasseroberfläche.

Nouvels 440 Millionen Dollar teure Wüstenrose komplettiert die Liste der Großen Projekte Qatars um ein weiteres Juwel: Dem 2008 auf einer künstlichen Insel eröffneten Museum für Islamische Kunst von I. M. Pei, Rem Kolhaas‘ 2017 eröffnete Nationalbibliothek und Araka Isozakis noch im Bau befindlicher „Education City“.

Nur noch eine luxuriöse Bonbonniere ist das neue Museum aber nicht. Es geht nämlich um Identitätspolitik pur. Denn in dessen elf Galerien versuchen sich die Museumsfachleute um Direktorin Sheika Amna al-Thani an der Quadratur des Kreises: Der Konstruktion eines Narrativs für eine Nation, die aus einer Gemeinschaft lose verkoppelter Nomaden in der Wüste wuchs.

Voll im postkolonialen Trend sieht Sheikha Al-Mayassa, die Schwester des regierenden Emirs Tamim bin Hamad Al Thani, die Kultur-Chefin des Landes, von ArtReview regelmäßig in den Top 100 der Kunstwelt gelistet, das Museum als Mittel „uns selbst zu definieren, anstatt auf ewig von anderen definiert zu werden“. Es „zelebriert unsere Identität“.

Schon vor dem Museum stehen die Besucher deshalb vor der Wandinstallation „Wisdom of a Nation“ des qatarischen Künstlers Ali Hassan: Das Bild der qatarischen Flagge mit einem Gedicht des Staatsgründers Sheikh Jassim bin Mohamed al-Thani. 

Im Baraha, dem zentralen Innenhof preist die Skulptur „Flag of Glory“ des irakischen Künstlers Ahmed Al Bahrani die Geschichte des Nationalfeiertags. Ein paar Schritte weiter gibt Sheik Hassan dem national-identitären Komplex mit seiner Skulptur „Motherland“ immerhin eine feministische Note.

Der anderthalb Kilometer lange Rundgang im Inneren des Baus führt von dem prähistorischen Ökotop vor 700 Millionen Jahren bis ins Doha von heute. Im Mittelpunkt stehen die historischen Umschlagpunkte 1913 und 1939.

Zuerst brach die Perlenfischerei ein, dann wurde das Öl entdeckt. Eine 360-Grad Filminstallation zum Thema Öl von Doug Aitken und Ai Weiweis Skulptur „Fountain of Pearls“ sind zwei weitere Exemplare der Auftragskunst, die mit den 1000 archäologischen Artefakten kommunizieren dürfen – Arabisches „Nation-Building“, powered by International Blockbuster Art.

Der immersive Sog der Inszenierung ist schon im ersten Raum zu spüren. In seinem Kunst-Film spielt der französische Filmemacher Christophe Cheysson („Goodbye Kansas“) das Werden der Flora und Fauna Qatars seit den Urzeiten nach, die ringsherum ausgestellt sind.

50 Meter große Projektionsleinwände bringen die Wände zum Verschwinden. In einem anderen, dem Leben in der Wüste gewidmeten Raum empfindet der mauretanische Filmemacher Abderrahmane Sissako („Timbuktu“) in einem im Silbernitrat-Stil geschossenen Film diesen Alltag nach.

Eine komplettes Nomadenzelt, die dazugehörige Küche, sanft flüsternde Gedichtrezitationen aus dem Off und der Geruch von Kaffee kitzeln das Gefühl des Authentischen hervor.

Der vorgezeichnete Circuit zieht noch stärker in das Geschehen hinein. Mal steigt der Parcours aufwärts, mal windet er sich hinab. „So einen Effekt können sie eben nur mit der Architektur erreichen“ begeistert sich Sheika Amna über ihr „Museum neuen Typs“.

Der Pferdefuß dieses aufwändigen Narrativs: Es wurde „von oben“ geschrieben. Auch wenn Sheika Amna die „bottom-up“-Perspektive und die vielen Workshops mit Qataris lobt. Einen Raum, der das Leben der weitgehend rechtlosen Gastarbeiter im Lande – immerhin 88 Prozent der 3 Millionen-Bevölkerung – problematisiert, sucht man freilich vergebens.

Eines der spektakulärsten Exponate wird der Baroda-Teppich sein. Das 1865 von einem indischen Maharadscha als fromme Gabe für das Grab Mohammeds in Auftrag gegebene Stück ist mit mehr als 1,5 Millionen Perlen vom Golf bestickt und mit Diamanten, Rubinen, Saphiren und Smaragden besetzt.

Ein Buch-Shop aus handgetriebenem Edelholz, in der zentralen Lobby vor dem Museums-Café erinnert die qatarische Künstlerin Bouthayna Al Muftah mit ihrer Arbeit „Kan Ya Ma Kaan“ an das arabische Goldmaß Thahab, das für 21 Karat-Gold steht.

Trotz verschwenderischer Prachtentfaltung auf allen Ebenen ist Nouvels, schon jetzt mit Nachhaltigkeitspreisen überhäuftes Gebäude mehr als das Blattgold der qatarischen Modernisierung oder ein Feigenblatt von dessen Autokratie.

Mit seinen massiven Investitionen in Kunst, Kulturelles Erbe, Bildung und Kreativität will sich der Wüstenstaat für das postfossile Zeitalter wappnen. Es muss dieser Monarchie aber klar sein, dass sie damit auf lange Sicht ihren politischen Absolutismus untergräbt. Qatar dürfte eines der wenigen Länder der Erde sein, das ein Parlament besitzt, das nie gewählt wurde. Dafür aber in einem herrlichen, nachts jadegrün illuminierten Palast residiert.

Wer einmal die Freiräume von Kunst und Wissenschaft genossen hat, wird sie nicht wieder preisgeben wollen. Immerhin das unterscheidet die Wissensgesellschaften der Zukunft von den „Großen Reichen“ der machtlüsternen Potentaten. Bislang sind sie noch alle wieder zu dem Sand verfallen, aus dem die Herrscher sie stampften.

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Biennalen, Biennalen…

Standortspektakel. Gentrifizierungsmotor. Raumschiff. Kommt die Rede auf Biennalen, überwiegen Sarkasmen. Immer mehr Städte und Länder schmücken sich mit den wiederkehrenden Großausstellungen internationaler Kunst. War es im letzten Jahr die lettische Hauptstadt Riga, legt sich in diesem Jahr die norwegische Hauptstadt Oslo eine neue Biennale zu.

Je mehr sie wie Pilze aus dem Boden schießen, desto stärker wachsen freilich die Zweifel. Sehen die Biennalen von Singapur bis Feuerland nicht überall gleich aus? Und stehen die weltweit womöglich schon 300 Events nicht oft wie Fremdkörper vor Ort herum?

Es wäre zu früh, von einer Identitätskrise der Biennalen zu sprechen. Auch wenn die Kunstwissenschaftlerin Ute Meta Bauer, selbst einmal Biennale-Kuratorin in Berlin und kürzlich Mitglied der Findungskommission für die nächste documenta-Chef*In einmal über „“Biennalen-Müdigkeit“ klagte.

Mit dem Schlachtruf „Schluss mit den Biennalen“ wäre freilich auch niemand gedient. Trotz mancher Schattenseiten: Unmerklich, aber nachhaltig hat dieses Institut (Kunst-)Geschichte geschrieben.

Entstanden sind die Biennalen aus dem westlichen Industriekapitalismus und dem bourgeoisen Tourismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Und Venedig ist noch immer ihr Flaggschiff. Gerade für die nichteuropäischen Newcomer.

Doch von der längst vergessenen Biennale von Alexandria 1955 – interessanterweise abgehalten in dem Gründungsjahr der documenta – über die Biennalen in Delhi, Havanna, Sharjah, Gwangju, Karachi, Thailand, Dakar sind Biennalen inzwischen aber zu Trendmeldern der globalen Machtverschiebung vom Westen hin zum Süden geworden. Dem Thema also, welches Adam Szymczyk vor knapp zwei Jahren mit der documenta 14 in Athen anvisierte.

All die neu aufploppenden Biennalen ergeben den fortlaufenden Versuch, die Landkarte einer globalen Kunst zu be- statt nationale Narrative fortzuschreiben. Sie sind Gefäße des Transnationalen, so wie hier Künstler und Kuratoren aus aller Herren Länder die globalen Fragen verhandeln, vor deren Lösung die Politik sich drückt.

„The „Seventh Continent“ hat Kurator Nicolas Bourriaud die 16. Istanbul-Biennale im September überschrieben. Auf der es um den Plastikmüll auf den Weltmeeren gehen soll.

Nicht immer bekommt es der Kunst, wenn sie als Ersatzpolitik herhalten soll. Doch besser, es gibt ein paar mehr dieser Probebühnen einer anderen Welt, als zu wenig.

Kemal Kılıçdaroğlu: Der Sisyphos der Demokratie

Die Hoffnung nicht aufgeben. „The Wild Pear Tree“, der jüngste Film des türkischen Filmemachers Nuri Bilge Ceylan, mag nicht sein bester sein. Aber als Metapher für die Verhältnisse in der Türkei taugt seine Schlussszene allemal. Verbissen versucht der junge Lehrer Sinan da auf dem harten Boden eines Brunnens mit der Spitzhacke die Quelle freizulegen, die das verdorrte Grundstück seines Vaters doch noch zum Blühen bringt. „Kemal Kılıçdaroğlu: Der Sisyphos der Demokratie“ weiterlesen

Osman Kavala, oder: Das System aus Willkür und Unrecht

„Es schmerzt, zu erkennen, dass ein Staat keinen Wert auf die Freiheit der eigenen Bürger legt.“ Kein Funken Verzweiflung lag in dem Satz, den Osman Kavala seinen Freunden Mitte Oktober aus dem Gefängnis schrieb. Stattdessen gab er sich so, wie man ihn kennt: mit klarer politischer Haltung, ohne übertriebenes Aufheben von seiner Person zu machen. Grund dazu hätte er: Seit über einem Jahr sitzt der Istanbuler Ex-Unternehmer nun in denselbem Gefängnis in Einzelhaft, in dem schon Deniz Yücel und Peter Steudtner einsaßen. „Osman Kavala, oder: Das System aus Willkür und Unrecht“ weiterlesen

Sao Paulo-Biennale: Experiment gescheitert

„Affective Affinities – Gefühlsverwandtschaften“, der Titel der 33. Biennale von São Paulo kommt emotional daher. Doch das Motto, das Kurator Gabriel Pérez-Barreiros für seine Schau Goethes „Wahlverwandtschaften“ entlehnt hat, hat es in sich. Dem Kunsthistoriker, im Nebenberuf Chef der privaten Cisneros-Kunstsammlung in New York und Caracas, will mit seinem Ansatz das klassische Modell der politischen Themen-Biennalen aus den Angeln heben. Statt selbst einen Parcours in Oscar Niemeyers Biennale-Pavillon im Herzen São Paulo zu legen, lud er sieben Künstler*Innen je eine Schau Ihrer Wahl zu kuratieren. „Sao Paulo-Biennale: Experiment gescheitert“ weiterlesen

Ästhetik des Widerstands

Als türkische Richter vor zwei Jahren die kurdische Künstlerin Zehra Doğan fragten, ob sie Fotos von Häusern in Kurdistan mit türkischen Flaggen versehen habe, antwortete die junge Malerin und Journalistin: „Sie haben dieses Bild gemalt, nicht ich“. Mit denselben Worten hatte Picasso einst einen deutschen Soldaten in Paris beschieden, der ihn fragte, ob er das Bild „Guernica“ gemalt habe – eine Ikone der politischen Kunst. Picassos Antwort sollte zeigen: Dass dieses Bild überhaupt nötig geworden war, das war allein die Schuld der Deutschen. „Ästhetik des Widerstands“ weiterlesen

Wunsch nach Wandel

236 Tage. Seit fast acht Monaten sitzt Osman Kavala heute im Knast. Am 18. Oktober letzten Jahres wurde der Istanbuler Kunstmäzen verhaftet. Seitdem sitzt er im berüchtigten Gefängnis von Silivri. Bis heute gibt es keine Anklageschrift gegen den sanftmütigen Philanthropen und Vorsitzenden der Stiftung Anadolu Kültür. „Wunsch nach Wandel“ weiterlesen