Armut und Anmut

Heute morgen kam mir in Kreuzberg ein Mann entgegen, den man früher vielleicht Bettler gennate hätte. Heute heißt er Nichtseßhafter. Ein älterer Mann, ziemlich zerlumpt, unrasiert, lange, strähnige, fettige Haare, bekleidet mit Klamotten von undefinierbarer Farbe und einer braunen Papiertüte in der Hand. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs und hatte es eilig. Er wollte die Kreuzung an einer unübersichtlichen Ampel überqueren, ich genau an dieser Stelle in den Kreisel einbiegen, der als Kottbusser Tor quasi zur Metapher von Armut, Schande und Verbrechen geworden ist. Es ging alles rasend schnell. Unaufhaltsam bewegten wir uns aufeinander zu. Bis er einsah, dass er vermutlich den Kürzeren ziehen würde. Und mit einem galanten Manöver den Rückzug antrat. Er tat das nämlich beileibe nicht etwa einfach so, ohne viel Aufhebens. Sondern mit dem artistisch angehauchten Exhibitionismus, der Outcasts so häufig eigen ist: Er stoppte demonstrativ, tänzelte ein bisschen auf der Stelle, zog den imaginären Hut, machte einen ziemlich imaginären Knicks und trat die entscheidenden drei Schritte zurück: Ich konnte weiterfahren. Poverty is no disgrace hat der amerikanische Maler David Salle 1982 einmal ein dreiteiliges Öl-Bild aus dem Jahr 1982 genannt, auf dem eine amorphe Menschenmasse, ein Knäuel Armer, zu sehen ist. Als ich mir die Fernsehbilder von der Schlacht um den Stuttgarter Bahnhof an- und dem im Fett der Macht ruhenden Steffan Mappus dabei zusehe, wie er vor den Kameras beteuert, beim Stuttgarter Bahnhof keinen Rückzieher machen zu wollen, denke ich mir: sie hat auch manchmal die größere Anmut.

Die Auswertung der Vergangenheit

Mit der „Quadriennale“ will die Landeshauptstadt Düsseldorf der Kunsthauptstadt Berlin Konkurrenz machen. Doch dafür ist die Schau zu nostalgisch geraten

Der Mann mit dem Hut. Man erkennt ihn sofort. Stechender Blick. Er sagt kein Wort. Nur ab und zu bewegen sich die Lippen beim Atmen. Eine Minute und siebenundvierzig Sekunden fixiert er stumm einen anonymen Betrachter. Man könnte auch sagen: Die „Soziale Plastik“ – so der Titel der Arbeit von 1969 – schweigt.
Man darf die Video-Arbeit, die den Besucher im Erdgeschoss der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen empfängt, durchaus paradigmatisch nehmen. Denn der Mann, der in diesem Jahr im Zentrum der großen Leistungsschau der Kunst steht, die Düsseldorf alle vier Jahre unter dem Namen Quadriennale veranstaltet, wirkt in der zentralen Ausstellung „Parallelprozesse“ wie kaltgestellt, auf lautlos gedreht. „Die Auswertung der Vergangenheit“ weiterlesen

Die Zukunft der Wohlfahrt

Das Berliner Künstlerduo Elmgreen&Dragset bereitet seine „Celebrity“-Schau in Karlsruhe vor

Death of a collector – Tod eines Sammlers. So hieß der mit Sicherheit spektakulärste Beitrag auf der letzten Venedig-Biennale im Sommer 2009. Das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen&Dragset hatte dort eine einzigartige Installation in Szene gesetzt. Den dänischen und den nordischen Pavillon hatten die beiden zur Residenz eines betuchten Industriellen umgebaut, der sein ganzes Geld in Kunst angelegt hatte und nach dem Börsenkrach pleite gegangen war. Das Anwesen wurde von einer fiktiven Immobilienfirma namens Vigilante Real Estate zum Kauf angeboten. Die Leiche des Sammlers schwamm in dem Pool vor dem Pavillon. Eine ebenso böse wie gelungene Satire auf den Kunstmarkt und –betrieb. „Die Zukunft der Wohlfahrt“ weiterlesen

Schönheitsoperation am Bosporus?

Erdogan will der Türkei ein neues Gesicht geben. So oder ähnlich lauteten in diesen Tagen die Schlagzeilen, mit denen die Medien die Ergebnisse des Verfassungsreferendums vom vergangenen Wochenende in der Türkei kommentierten. Das klingt, als ob am Bosporus eine Schönheitsoperation bevorstünde. Doch die Verfassungsänderungen, die sich die AKP von Premierminister Recep Tayyip Erdogan gerade vom türkischen Volk hat absegnen lassen, sind weit mehr als bloß eine kosmetische Retusche am lädierten Antlitz des Zwei-Hemisphären-Landes. „Schönheitsoperation am Bosporus?“ weiterlesen

Schönheit ist machbar

»Innen Stadt Außen«: Olafur Eliasson im Berliner Martin Gropius-Bau

Weather Project. Wenn Besucher von der legendären Ausstellung in der Londoner Tate Gallery berichten, kommen ihre Augen noch immer ins Leuchten. Vor knapp sieben Jahren hatte der isländisch-dänische Künstler Olafur Eliasson eine riesige Sonne in eine alte Turbinenhalle des britischen Kunsttempels hängen lassen. Über den Boden waberte Nebel. Tagelang lagen die Besucher verzückt im Bann des glühenden Gestirns. Über zwei Millionen Menschen sahen zur Jahreswende 2003/2004 das Spektakel: die größte Einzelausstellung eines lebenden Künstlers, die es jemals gab. „Schönheit ist machbar“ weiterlesen

Eine unschöne Angelegenheit. Thilo Sarrazin und die Folgen

Milieutheorie. So hieß in den siebziger Jahren in der Bundesrepublik West ein berüchtigtes Reizwort. Dahinter verbarg sich folgende Idee: Das „Milieu“ (ein anderes Wort für soziales Umfeld) entscheidet über das Schicksal des Menschen. Das bildungsbürgerliche Establishment rannte Sturm gegen die modische Formel, verfocht vehement die Prägekraft der Gene und war folglich den zu dieser Zeit grassierenden, meist sozialdemokratischen Bildungsutopien (Hessische Rahmenrichtlinien, Ludwig von Friedeburg usw.) deutlich abhold. Gesellschaftskritisch sozialisierte Zeitgenossen waren natürlich bedingungslose Anhänger der Milieutheorie. Obwohl ihre wissenschaftstheoretische Absicherung dieser oft ideologisch ventilierten Position oft deutlich mangel- um nicht zu sagen lückenhaft war. Aber so war das halt zu dieser Zeit. Man glaubte felsenfest an das Gute, sprich: das Entwicklungsfähige im Menschen. Man könnte auch sagen: An die Kultur. „Eine unschöne Angelegenheit. Thilo Sarrazin und die Folgen“ weiterlesen

Die Karawane zieht weiter

In Berlin schließt die Temporäre Kunsthalle. Sie braucht keinen dauerhaften Nachfolger

Am Ende wieder der Anfang: 160 Werke von 63 Architekten, Designern, Komponisten und Künstlern. Schwer zu sagen, was der Aktionskünstler John Bock da auf dem Berliner Schlossplatz zusammengebaut hatte: Flohmarkt oder Wagenburg, Notunterkunft oder Netzwerk. Zum Abschluss eines zweijährigen Experiments verwandelte sich der 1965 geborene, ästhetische Tausendsassa in einen Kurator und schlug noch einmal das Rad des Gesamtkunstwerks. Martin Kippenberger hängte er da neben Kara Uzelmann, Paul McCarthy neben Heike Aumüller. Die Besucher verloren sich in einem vollgestopften Panoptikum der unerwarteten Begegnungen, der heitersten Anarchie, in einem Irrgarten von high and low. „Die Karawane zieht weiter“ weiterlesen

Ästhetik und Demokratie

25538072,23343776,dmFlashTeaserRes,editor6180889105865778589Auf den ersten Blick ist ist Helmut Kohl kein gutes Beispiel für den Zusammenhang der beiden Themen. Denn der Schwarze Riese aus der Pfalz, wie der damalige CDU-Vorsitzende und Bundeskanzler gerne genannt wurde, stand 16 Jahre lang für die hässliche Seite der Politik. Kein Tag verging, ohne dass ein Kübel Spott über den Mann ausgeschüttet wurde, den seine Kritiker wegen seiner charakteristischen Leibesfülle gern „Birne“ nannten. Für den Publizisten Karlheinz Bohrer wurde Kohl zum Inbild der Mediokrität und Uneleganz der westdeutschen Nachkriegspolitik. Er mokierte sich über diese (Bonner) Ästhetik des Provisoriums und des symbolischen Understatements. „Ästhetik und Demokratie“ weiterlesen