Der Große Neutralisator

Jonathan-Meese-DW-Satire-HamburgKann man den Hitlergruß neutralisieren? Zum Glück musste das Kasseler Amtsgericht gestern nicht über diese Jahrhundert-Frage entscheiden. Doch genau diese Idee, so vertraute es der Maler und Aktionskünstler Jonathan Meese diese Woche dem Spiegel an, steht hinter der abgedroschenen Provokationsgeste, die ihn vor Gericht brachte. Dass die Richter ausgerechnet in der Documenta-Stadt nicht sofort auf die grundgesetzlich verbriefte “Freiheit der Kunst” erkannt, sondern den Prozeß vertagt haben, mag deren Freunde empören. Anselm Kiefer hat’s getan, Martin Kippenberger und Laibach haben’s getan. Warum darf es nicht Jonathan Meese tun? „Der Große Neutralisator“ weiterlesen

Jakob Augstein ist kein Antisemit

Diskussion "Update oder neues Betriebssystem?"Ist Jakob Augstein ein Antisemit? Die Frage klingt einigermaßen absurd. Doch wer sich die jüngst veröffentlichte Liste der zehn übelsten Antisemiten der Welt, herausgegeben vom Simon-Wiesenthal-Center in Los Angeles, anschaut, wird nicht schlecht gestaunt haben. Der Verleger der Wochenzeitung Freitag, Mitgesellschafter des Spiegel und ubiquitäre Fernsehintellektuelle auf einer Liste mit dem iranischen Präsidenten und Holocaust-Leugner Mahmoud Ahmadinejad, dem Chef der rechtsextremen ukrainischen Svoboda-Partei Oleg Tyagnibok und dem amerikanischen Rassisten Louis Farrakhan, dem Führer der afro-amerikanischen Bewegung „Nation of Islam“. „Jakob Augstein ist kein Antisemit“ weiterlesen

Protestantische Ästhetik

HBdL36BV_Pxgen_r_300xARegenjacke schlägt Signalfarbe. So könnte man das Ergebnis der Urwahl der Grünen für die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl im nächsten Jahr zusammenfassen. Statt mit der schrillen Claudia Roth ziehen die Grünen mit einem derart gedeckten Doppel in den Wahlkampf, dass Angela Merkel mit ihren kürbis- türkis- und pflaumenfarbenen Blazern gegen die frisch gekürte Doppelspitze der Grünen schon fast wieder wie ein bunter Vogel wirkt. „Protestantische Ästhetik“ weiterlesen

Die Selbstabschaffung der Kunst

Khaled-Jarrar-briefmarkeEin flatternder Sonnenvogel, der an einer rosaroten Blüte nascht. Das Bild, das der Künstler Khaled Jarrar vor Kurzem in Berlin vorstellte, sah auf den ersten Blick wie eine Kitschpostkarte aus. Wer unter der anrührenden Idylle die Inschrift „State of Palestine“ las, bemerkte die Absicht. Der palästinensische Künstler hatte eine Briefmarke für einen Staat erfunden, der überhaupt noch nicht existiert. „Die Selbstabschaffung der Kunst“ weiterlesen

Berliner Büchervernichtung

7-berlin-biennale-sarazzin-664x940Deutschland schafft sich ab. 1, 3 Millionen Exemplare hat Thilo Sarrazin von seinem antimuslimischen Bestseller verkauft. Angesichts dieses sensationellen Erfolgs ist es absolut verständlich, dass viele die Frage quält, welches Kraut gegen den latenten Rassismus gewachsen ist, den er darin so massenwirksam verbreitet.
Der Berlin-Biennale dürfen wir zumindest für die Erkenntnis dankbar sein, wie dieser Geisteshaltung auf gar keinen Fall beizukommen ist. „Deutschland schafft es ab“ heißt das Werk, mit der sich der Bildhauer und Videokünstler Martin Zet an der 7. Ausgabe der Schau beteiligen will, die die Berliner Kunst-Werke im April veranstalten. Es soll, so der Künstler, eine „raumgreifende Installation“ werden. „Berliner Büchervernichtung“ weiterlesen

Nachhilfe für die Politik?

The_Future_of_Art_-_Olafur_EliassonSchwere Quader aus Stein. Der Künstler Olafur Eliasson hatte den Weg in seine große Ausstellung „Innen Stadt Außen“ vergangenes Frühjahr im Martin-Gropius-Bau nicht ohne Grund mit Gehwegplatten gepflastert. Mit der Installation wollte er an das aufregende Leben im Berlin der Nachwendezeit erinnern. Die politischen und kulturellen Räume, die sich damals öffneten, hatten den 1967 geborenen Dänen künstlerisch mehr geprägt als seine Ausbildung an der Kunstakademie Kopenhagen. 1994 zog er an die Spree. „Nachhilfe für die Politik?“ weiterlesen

Democratic Gardening

P1080326Blut und Boden? Unübersehbar stand die Frage im Raum, als Hans Haacke 1999 sein Kunstwerk „Der Bevölkerung“ vorschlug. Dass ausgerechnet der kritischste der deutschen Polit-Künstler deutsche Erde im Reichstag aufschütten lassen wollte, um klarzumachen, dass die Deutschen mehr als nur ein Volk seien, befremdete viele. Haackes von innen beleuchteter Schriftzug konterkarierte zwar das pathetische „Dem Deutschen Volke“ am Frontgiebel des Parlaments. Aber warum, um Himmels willen, wollte er den Teufel Nation unbedingt mit dem Beelzebub Mythos austreiben? Man versteht es bis heute nicht.

Seit elf Jahren wächst nun Haackes Hügelgrab im Hohen Haus. Der 1936 in Köln geborene Künstler ist inzwischen 75 jahre alt geworden. Da ist es vielleicht ganz angemessen, eine kleine Bilanz dieses umstrittenen Werks und seiner Wirkung zu ziehen. Und siehe: Ganz so blutbodenmäßig, wie manche es befürchtet hatten, ist es denn doch nicht gekommen. „Democratic Gardening“ weiterlesen

Ein Mann macht dicht

SPD-Kampagne-Scholz-2011Was die Körpersprache von Olaf Scholz signalisiert

Der Lockenschopf. Das war früher das Erkennungszeichen von Olaf Scholz. Wann immer der freche Juso aus Hamburg im Bundesvorstand der Jusos oder auf ihren chaotischen Bundesdelegiertenversammlungen auftauchte, war er schnell zu erkennen an seiner charakteristisch verwuschelten Haartracht. Die irgendwie auch ein Symbol für seine politische Unberechenbarkeit war. Und für die verschlungenen Wege, die zu gehen er bereit war, um an sein politisches Ziel zu kommen. Kaum tauchte er auf, verbreitete sich rasch nervöse Unruhe im Saal. Entweder wegen der Intrigen und Bündnisse, die dann geschmiedet wurden oder schon längst geschmiedet waren. Wegen der ironischen Bemerkungen, die er um sich herum verspritze wie feinste Dosen unmerklich wirkenden Gifts. Oder wegen der Debatten, die er backstage anzettelte, während sich vorne am Rednerpult die Gralsritter der Doppelstrategie noch dabei abwechselten, graues Recyclingpapier durch den Floskelkopierer zu schieben. „Ein Mann macht dicht“ weiterlesen

Vergeßt Obama!

obama1Change. Mit diesem inspirierenden Wort zog Barack Obama 2008 in den Wahlkampf um die amerikanische Präsidentschaft. Wie Phönix aus der Asche des Bush-Regimes erstand da über Nacht ein Hoffnungsträger, wie ihn Amerika seit John F. Kennedy nicht gesehen hatte. Der Professor aus Chicago entfachte eine Volksbewegung, dass selbst hartgesottenen Beobachtern der politischen Kultur der USA die Spucke wegblieb.

Man muss an diesen simplen Tatbestand vielleicht erinnern, um zu ermessen, welcher “Wandel” sich seitdem vollzogen hat. Nicht nur in den USA inspirierte Obamas Mischung aus Kraft und Anmut, Pragmatismus und Vision, Entschiedenheit und Liberalität zu großen demokratischen Hoffnungen. „Vergeßt Obama!“ weiterlesen

Häßliche Menschen mit Hängetitten

Mann-Meer-Strand_w475_h230_cw475_ch230_thumbHabe vor ein paar Tagen die Lektüre von Fritz J. Raddatz’s Tagebüchern der Jahre 1982-2001 beendet. Der legendäre Feuilletonist der „Zeit“, ist schon ein echter Ästhet. Der Mann, der 1980 wegen eines peinlichen Goethe-Zitats über den Frankfurter Hauptbahnhof seinen Posten als Feuilletonchef der „Zeit“ räumen musste, versucht seine Existenz als Gesamtkunstwerk zu inszenieren. Der Edel-Prekarier, der immer über das mangelnde Geld klagt, frühstückt morgens im Wintergarten seiner Hamburger Wohnung von einer Tischdecke aus weißer Seide unter einem Orchideenbaum zu Mozartmusik. Auf dem Weg zu seiner Ferienwohnung auf Sylt hört er im Porsche Rachmaninoff. Und verzweifelt an alten Schulkameraden, die nicht wissen, was Avocados sind, nicht mit dem Fischbesteck essen können, noch nie eine Auster gesehen haben und den Namen Botero nicht kennen. „Häßliche Menschen mit Hängetitten“ weiterlesen